Morphologische Resonanzen

 

Spengler – Benn – Bense

(Manuskriptfassung eines 2017 erscheinenden Buchbeitrags. Diese Fassung ist nicht zitierfähig.)

Resonanzräume

Oswald Spenglers zweibändiges Werk Der Untergang des Abendlandes (1918/1922) hat fast ein Jahrzehnt lang eine bemerkenswerte Aufnahmebereitschaft in den deutschen Eliten gefunden. Sein unsystematischer Charakter und seine formalen Ungleichgewichte haben von Beginn an eklektische Lektüren und Interpretationen angestoßen, die seiner weiteren Verbreitung allerdings eher noch gedient als geschadet haben.

Bertolt Brecht hält in seinem Tagebuch einen Besuch beim Journalisten und Weltbühne-Autor Frank Warschauer im September 1920 in Baden-Baden fest:

Er vibrierte von Spenglers großem Buch und sang Arien vom Zionismus. Dieses Land um uns geht kaputt, ist alle, versinkt, und nichts ist besser als Zion. Er hat zuviel Ziel in sich, er wickelt in alle Verhältnisse Sinn, er glaubt an Fortschritt und daß ein Lurch eben nicht anders kann, als irgendeinmal ein Affe zu werden.[1]

Diese Konfusion weist trotz der Erfahrung vitaler Bedrohungen im Ersten Weltkrieg (und der zunehmenden Ahnung noch kommender) popkulturelle Züge auf. Spengler ist ein Autor, der zu allem etwas zu sagen hat, und über den alles gesagt werden kann. Unbeeindruckbar durch die neueren Erkenntnisse der Biologie, Physik oder Psychologie integriert die populäre Spengler-Interpretation auch das, was sie davon verstehen will, in ein Konglomerat solcher Gegensätze wie der von Kultur und Zivilisation, Geschichte und Leben, Fortschritt und Schicksal. Spengler steht allerdings mit seiner organizistischen, „morphologischen“ Betrachtung von Geschichtsabschnitten, naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und kulturellen Gewohnheiten nicht allein. Er kann auf einem kultur- und wissenschaftskritischen Fundament aufbauen, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet wird, und neben ihm entstehen viele Positionen, die sich einer vergleichbaren Methode bedienen, auch wenn sie inhaltlich zu teilweise anderen Kombinationen und Schlüssen kommen als Spengler in seinem Hauptwerk. Zwei deutsche Autoren mit naturwissenschaftlichem Hintergrund – als Arzt und als Physiker – sollen hier mit ihren jeweils spezifischen morphologischen Analysen und Flirts vorgestellt werden, wobei die These vertreten wird, dass ihre Morphologismen sich in Resonanz zu gängigen Krisenempfindungen ihrer Zeit befinden und weniger Reaktionen auf eine durch Spengler ausgelöste Primärschwingung sind.

Eine der drei morphologischen Tafeln aus Spenglers Buch

Nicht die auf Deutschland reduzierte suggestionspsychologische Wechselwirkung zwischen Spenglers Monumentalstudie zum Untergang und der Weltkriegsniederlage bzw. der titelgebende Hintergrund einer Analogie zum Untergang der Antike, sondern das mit Einstein korrespondierende kulturphilosophische Echo eines neuen, aus Europa in die Welt hinausstrahlenden Zeitalters des Relativismus erklärt die enorme Wirkung der Kultur- und Geschichtsmorphologie.[2]

Spenglers Schrift setzt in gewisser Weise eine sich bereits seit ca. 1860 artikulierende deutsche kulturkritische Tradition fort, auf die er sich selbst in keiner Weise bezieht. Außer Goethe und Nietzsche und sehr vereinzelten Hinweisen z. B. auf Bachofen oder Burckhardt nennt er ohnehin keine Referenzen. Es gibt jedoch eine Reihe von populären Positionen, die sich in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausbilden und später in die „Ideen von 1914“ einmünden. In ihnen schlagen sich Entwicklungsunterschiede zwischen Naturwissenschaften, Technik und Geisteswissenschaften nieder, aber auch – und das vor allem in den 1890er Jahren – soziale und politische Spannungen, die in der schnellen Industrialisierung und Modernisierung des Landes wurzeln. Einer der ersten Seismographen für die ungleichzeitige Entwicklung ist Paul Boetticher, der sich selbst de Lagarde nennt.[3]

Neben umfangreichen orientalistischen Arbeiten veröffentlicht er einige weit verbreitete Schriften, in denen sich aggressives antisemitisches Ressentiment, extremer Nationalismus und Empfehlungen zur Expansionspolitik („Grenzkolonisation“) verbinden. Anders als Nietzsche, der sich offen mit den Bedrohungen durch die Moderne und der Beschränktheit ihrer Kritiker auseinandersetzt und sie auf diese Weise zu entzaubern sucht, weicht Lagarde in ein christlich-großdeutsch gefärbtes Ressentiment aus. Direkt an Lagarde schließt Julius Langbehn mit seinem erfolgreichen, anonym veröffentlichten Buch Rembrandt als Erzieher (1890) an, dessen Auflage und Beliebtheit von 1925 bis 1930 noch einmal ansteigt, auch gestützt durch seinen Schüler, Biographen und Herausgeber Benedikt Momme Nissen und dessen Buch Der Rembrandtdeutsche Julius Langbehn (1926). Langbehn wird in den zwanziger Jahren als bedeutender Vorgänger Spenglers wahrgenommen, der noch vor der Katastrophe des Ersten Weltkriegs der Schicksalsgemeinschaft der deutschen Nation eine Orientierung geben will. Das gelingt ihm durch einen völkisch gesättigten Anti-Intellektualismus, den er mit einer großen Zahl von deutsch gefärbten Legenden anreichert (das Capitol in Washington sei eine Kopie der Dome am Gendarmenmarkt und dergleichen).

Langbehn kritisiert den „Bildungsschwall“ des Historismus und räumt sodann in seinem Buch mit vertrauten Einordnungen auf, um Kulturgeschichte auf völkischer Grundlage neu zu schreiben. Dabei referiert er beispielsweise Winckelmanns Konzeption der klassischen Kunst, sagt ihrer umfassend humanistischen Orientierung jedoch den Kampf an:

Wer ein rechter Deutscher ist, der ist auch ein rechter Mensch; keineswegs umgekehrt; eben hierauf beruht der Vorzug des Deutschtums, welches durch das letzte Jahrhundert, vor dem Menschentum, welches durch das vorletzte Jahrhundert angestrebt wurde. Das Geheimnis besteht darin, sich an seine Individualität zu binden, aber sich nicht von ihr binden zu lassen. Der Deutsche wird sich gewissermaßen selbst widersprechen müssen, um seinem höheren Beruf gerecht zu werden; er wird seine Individualität – das anscheinend Freie und Gesetzlose – zum Gesetz erheben müssen; er wird sich selbst zu konstruieren haben. Denn das Individuelle wirkt erst dann nützlich, wenn es der rein persönlichen Willkür entrückt ist; wenn es sich dem großen Bau eines Volks- und Weltlebens einfügt; wenn es dient. Der Deutsche soll dem Deutschtum dienen.[4]

Langbehn mischt völkischen Nationalismus (von Shakespeare über Rembrandt bis zu den Bewohnern des alten Venedig ist alles „niederdeutsch“) mit wildem Antihistorismus, antisemitischen Vorurteilen und anti-scientistischen, speziell anti-darwinistischen Akzenten. Sein Werk trägt zu einer entsprechend gefärbten populären Nietzsche-Rezeption bei.[5]

Neben Anstößen für die Praktizierung dienenden Deutschtums zum Beispiel in der deutschen Jugendbewegung, in der sein Buch über Jahrzehnte populär blieb, re-interpretiert Langbehn auch wissenschaftliche Disziplinen. Er bemüht sich nicht nur um die Ästhetisierung der Historie mittels einer abenteuerlichen historiographischen und kunstwissenschaftlichen Kombinatorik, sondern versucht auch eine an der nordeuropäischen Erfahrungswelt orientierte Farbenlehre zu etablieren: „Die tropische Sonne vergröbert; sie läßt die Natur in schreienderen aber eben darum unfeineren Tönen reden: ein Papagei, ein Goldfisch, eine Orange können sich an wirklichem Farbenreichthum und wirklicher Farbenvornehmheit mit einem Huhn, einem Häring, einem Apfel nicht messen.“[6]

In der Phase der Fertigstellung seines Buchs, im Winter 1889/90, versucht Langbehn, sich in die Biographie Friedrich Nietzsches einzugraben. Er findet Zugang zu Nietzsches Mutter, behauptet, Nietzsches Krankheit sei heilbar, und bemüht sich darum, die Vormundschaft für Nietzsche zu erhalten, um ihn zu sich nach Dresden zu holen. Nebenbei beansprucht er auch Nietzsches Basler Pension von jährlich 1600 Mark. Er besucht den Kranken mehrere Male in der von Otto Binswanger geleiteteten Landesheilanstalt in Jena, zieht sich jedoch nach einem Tobsuchtsanfall Nietzsches zurück und gibt sein Unternehmen einige Wochen später wieder auf.[7] Verbindungen zwischen seiner Schrift und Nietzsches Werk sind an einigen Stellen offenkundig. So geht der Titel „Rembrandt als Erzieher“ vermutlich auf das Kapitel „Schopenhauer als Erzieher“ in Nietzsches Unzeitgemäßen Betrachtungen zurück. Diese sind ebenso wie Also sprach Zarathustra argumentative und stilistische Vorbilder für Langbehn.

Gottfried Benn 1911

Der fünfundzwanzigjährige Gottfried Benn veröffentlicht in Die Grenzboten, einer Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst 1911 zwei kurze Aufsätze, dessen erster mit der Geschichte des Gehirns bei Cartesius beginnt und dessen zweiter ganz dem Gehirn gewidmet ist, von den phrenologischen Konzepten Galls bis zur der Ansiedlung der „Seelenleere“ in der Physiologie des Gehirns.[8]

Benn schlägt sich ganz auf die Seite Wundts und der experimentellen physiologischen Forschung und fasst zustimmend Sätze des aufklärerischen Philosophen Michael Hißmann aus dem Jahr 1777 zusammen: „Der Psychologe solle mehr Physiologe als Philosoph sein und vor allem Hirnanatomie studieren.“ Er konstatiert allerdings, dass inzwischen die Verbindung zwischen Medizin und Psychologie zerrissen sei, zumindest von Seiten der Medizin, die sich weigere, „psychologische Folgerungen aus anatomischen und pathologischen Befunden zu ziehen“ und „die Regelung dieser Fragen der Erkenntnistheorie und der kritischen Psychologie“ überlasse.[9]

Benns Texte belegen, dass sein Studium, das ihn durchaus über die Medizin hinausführte, ihm eine am naturwissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt orientierte wissenschaftshistorische Sicht ermöglicht, die ihn gegen die Vermengung von Metaphysik und Naturwissenschaft weitestgehend zu imprägnieren scheint.Andererseits verfasst und veröffentlicht Benn im selben Jahr 1911 einen Prosatext, in dem er schildert, welche Zerstörungen die im 19. Jahrhundert begonnene massive Zurückdrängung der Metaphysik im erkennenden Subjekt am Beginn des 20. Jahrhundert ausgelöst hat.

Es wächst eine Feindschaft in mir empor zu jener Generation von Naturforschern, die uns Heutige verschuldet haben. Ich sehe sie immer vor mir mit zusammengekniffenen Lippen und grausamen Augen wie Krieger an einer harten, rücksichtslosen Arbeit. Ich bin die dritte oder vierte Generation, aber das Erbe ist völlig aufgelöst. Nichts mehr von der Freude der ersten, die alte Erde abzustürzen und am Abgrund eine neue aufzubauen. Nichts mehr von jenem Glauben, etwas für seine Erkenntnis zu tun, wenn man die Bedingungen feststellt, unter denen ein paar Tierglieder zucken und ein paar Hundenerven degenerieren. Aber stark und schmerzhaft durchdringend jene Ueberzeugung, daß eine Erkenntnis auf diesem Wege überhaupt nicht möglich sein kann, daß jedes Wissen nur ein Irrtum zwischen zwei Irrtümern und ein Vorspiel zu unaufhörlichen Vorspielen ist.[10]

Es muss berücksichtigt werden, dass Benn hier ein Stück Prosa schreibt, dessen erzählendes Ich ein junger Chirurg ist. Anzunehmen ist allerdings, dass Benn dessen Auflehnung gegen den schlichten Positivismus naturwissenschaftlicher Forschungen teilt, wie auch die kulturelle Dimension seines Ich-Zweifels:

Ich bin etwas Mürbes, Verteiltes, Zusammenhangloses. Ohne das Gefühl irgend einer Kontinuität. Etwas wie ein Bandwurm: zahllose Glieder und jedes lebt für sich. Es fehlt völlig das Einheitliche, auf das sich alles bezöge, denn man kann sich selber auf nichts mehr beziehen. Unsere Beziehungen zum Kosmos sind gelöst; jeder steht isoliert, aber er ist doch nichts Großes: es fängt nichts in ihm an und es endet nichts in ihm; es läuft nur etwas hindurch, etwas völlig Neutrales: das Bewußtsein.[11]

Die Fragmentierung des Ich, die er hier erstmals formuliert, bleibt eine Leitfigur seines Werks, ebenso wie die sich andeutende Autonomisierung des Bewusstseins gegenüber allen sozialen und institutionellen Bindungen. Seinen Nihilismus versieht Benn jedoch künftig meist mit einem Augenzwinkern, er ist eine spielerisch eingenommene und gleichzeitig outriert vorgetragene Position.[12]

Das morphologische Jahrzehnt

Zwischen 1918 und 1922 erscheint eine Vielzahl von Lobpreisungen und Kritiken zum ersten Band von Spenglers Buch.[13] Exemplarisch soll hier eine Reaktion herausgegriffen werden, die des Harnack-Schülers und bis dato Religionsphilosophie lehrenden Heinrich Scholz.[14] Scholz schließt an eine theologische Promotion und Habilitation – über Glaube und Unglaube in der Weltgeschichte, 1911 – eine philosophische Promotion über Schleiermacher und Goethe 1913 an und ist seit 1917 Professor in Breslau, ab 1919 in Kiel. Von 1922 bis 1929 absolviert er nach Lektüren von Russell und Whitehead ein vollständiges Studium der Mathematik und der theoretischen Physik und betreibt in Münster ab 1928 zunehmend mathematische Grundlagenforschung.

Die Position, die Scholz in seiner Spengler-Broschüre vertritt, ragt in keiner Weise aus den Stellungnahmen deutscher Geistes- und Naturwissenschaftler heraus, ist jedoch interessant, weil der Autor in den dreißiger Jahren auf einen jungen Wissenschaftler stößt, der mit ihm eine ganze Reihe sich scheinbar ausschließender Orientierungen teilt: ein morphologisches Kulturverständnis, Züge eines mystischen Weltbildes, das Interesse an komplexen Problemen der mathematischen Logik, die Beschäftigung mit der Semiotik von Charles Sanders Peirce und erste Berührungen mit der Informationstheorie in Gestalt der Turing-Maschine – und dies alles unter den Bedingungen des nationalsozialistisch gelenkten Wissenschaftsbetriebs und noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Die Resonanz mit den Spenglerschen Mythen beschreibt somit nur ganz unvollständig den Grund der Verbindung zwischen Scholz und Bense, sie ist jedoch ein Element des Raumes, in dem beide sich begegnen und ihre Kontakte pflegen werden.

Postkarte von Heinrich Scholz an Alan Turing nach Erhalt eines Sonderdrucks von „On Computable Numbers“. Quelle: Turing-Archiv

Scholz schließt sich in seiner Spengler-Broschüre emphatisch einer biologischen Fundierung des Geschichtsbegriffs an, und somit dem Konzept der Altersstufen bzw. Lebensformen von Kulturen: „Urstand – Aufstieg – Höhepunkt – Abstieg – Untergang“.[15] Diese biologische Epochen-Analogie übte Scholz schon in seiner Auseinandersetzung mit Augustinus in seiner Habilitationsschrift ein. „Hier kommt Augustin auf die Methode zurück, die Gattung als ein erweitertes Individuum vorzustellen und die Züge der Individualentwicklung auf die Gattungsgeschichte zu übertragen.“[16] Er identifiziert sechs Weltalter als kirchlichen common sense: infantia, pueritia, adolescentia, iuventus, gravitas und senectus. Augustinus’ Gleichung von Gattung und Individuum akzeptiert Scholz und verfolgt sie weiter bis ins 19. Jahrhundert. Die Apokalypse – Katastrophe des Unglaubens und gleichzeitig Triumph des Glaubens – gehört für ihn so sehr zur ehernen christlichen Tradition, dass er sich zu dieser Thematik überwiegend einer ausführlichen philologischen Analyse widmet, die sich um die Frage dreht, ob in der biblischen Apokalypse der Weltbrand vor dem Weltgericht steht oder umgekehrt. Scholz wertet insgesamt De civitate dei allerdings nicht als geschichtsphilosophisches Werk, sondern als Apologetik des Christentums gegen die Ungläubigen.

Mit Spengler wiederum teilt er die Überzeugung, dass die Vorstellung geschichtlicher Kontinuität und die eurozentristische Sicht der „Weltgeschichte“ obsolet sei. Geschichte sei vielmehr „der Lebenslauf vieler Kulturen, die nichts als den Namen miteinander gemein haben, da jede von ihnen ein eigenes Schicksal, ihr eigenes Leben und Sterben hat“[17]. Ebenso unterstützt er Spenglers wertende Trennungen – von Land und Großstadt, von Kultur und Zivilisation usw.: „Die Zivilisation ist gewissermaßen die Entropie der Kultur.“[18] Bedeutend erscheint ihm die Einführung des an Querschnitten orientierten Kohärenzbegriffs in geschichtsphilosophische Betrachtungen, statt des traditionellen Kontinuitätsbegriffs. Kritiklos schließt er sich auch Spenglers Homologiebegriff an, der eine Bedeutungsidentität von Erscheinungen in unterschiedlichen geschichtlichen Phasen unterstellt. Homolog erscheint beiden beispielsweise der Vergleich von Napoleon mit Alexander, nicht mit Caesar (das wäre analog).

Scholz hebt an Spengler ausdrücklich zustimmend als „starke Gedanken“ hervor, dass er die Geschichtsphilosophie als Instrument der Zukunftsergründung einsetze, was vor ihm nur utopische Sozialisten wie St. Simon gewagt hätten. Und er preist den neuen, organischen Kulturbegriff, der die Gestalt einer Entelechie annehme und mit Goethe: „geprägte Form, die lebend sich entwickelt“[19], sei.Allerdings übt Scholz auch Kritik an Spengler. So bemängelt er das Epigonenhafte seiner Gedanken, trotz permanenter Originalitätsbehauptungen des Autors, die Inanspruchnahme Goethes als einzigem von Spengler anerkannten und genannten Vorgänger sowie seinen ausschließlich metaphysischen Zugang zur Geschichte, unter Ignoranz eines gegenständlichen Zugangs. Die morphologische Methode, die Scholz im Grundsatz gutheißt, bemängelt er wegen des eingeschränkten Gebrauchs, den Spengler von ihr macht, indem er ausschließlich Vergleiche mit dem Altertum anstellt. Dass jede Kulturerscheinung nur für ihr eigenes Zeitalter gelte, z. B. also die Infinitesimalrechnung nur für das  Abendland und dessen faustische Seele bedeutsam sei und keine Bleibeperspektive besitze, leuchtet ihm nicht ein. In diesem Zusammenhang widersetzt er sich auch dem Gedanken des vollständigen Untergangs von Kulturen. Die Antike sei nicht so untergegangen wie Spengler es darstellt. Sie lebe in gewisser Weise fort, auch in der Neuzeit seien Platon, die euklidische Geometrie und andere Ideen des Altertums fruchtbar zu machen.

In seiner Spengler-Schrift setzt sich Scholz im wesentlichen immanent mit seinem Gegenstand auseinander. Die naheliegende Diskussion beispielsweise über den Spenglerschen Epochen-Relativismus im Vergleich zu Hegels Epochenverständnis, das im 19. Jahrhundert opulent dabattiert wurde, unterbleibt. Ein Jahr später, 1921, hält Scholz jedoch einen Vortrag vor der Berliner Kant-Gesellschaft, in dem er diesen Bezug explizit herstellt. Spenglers Worte, dass eine Philosophie den Gehalt ihrer Zeit ausschöpfe, ihm Form gebe und künftigen Generationen überliefere, könnten auch von Hegel stammen. Allerdings: „Wenn man zusieht, was Spengler aus ihnen gemacht hat, so stützen sie den marklosesten Relativismus, den ein zermürbtes Denken je auszusprechen vermocht hat.“[20] Anders als in der sehr zurückhaltenden Schrift von 1920 distanziert sich Scholz hier weitaus markanter von Spengler: „Hegel selbst ist für diese Verzerrung in keiner Weise verantwortlich, und wir müssen darauf bestehen, daß die Einsicht in den großen Sinn seiner Lehre nicht durch solche abschreckenden Beispiele verdunkelt wird.“[21]

Eine überraschende nationalistisch-völkische Verschärfung von Spenglers „psychologischer“ Beweisführung für den Untergang des Abendlandes nimmt Scholz allerdings am Beispiel der „faustischen Seele“ vor.[22] Ganz im Stil der 1890er Kulturkritik vertritt er die Position, diese Seele könne nicht pauschal dem Abendland zugeordnet werden, der romanische und angelsächsische Geist seien vielmehr ganz unfaustisch. Scholz kann das Faustische in Antithese zum Geist dieser Kulturen nur als germanisches Wesen anerkennen.Schließlich sperrt sich Scholz gegen die Perspektive des unausweichlichen Untergangs: Da der Wille zum „Geschlechtscharakter“ des abendländischen Menschen gehöre, sollte dieser mobilisiert werden, um das Spenglersche Verhängnis aufzuhalten. Die von Spengler vorgezeichneten praktischen Folgerungen – sich dem Untergang in die Arme werfen, Techniker und Praktiker werden, da ein Leben von wirklichem Gehalt ohnehin nicht mehr möglich sein werde – lehnt Scholz ab.

Benns geschichtsphilosophische Positionen

Gottfried Benn liest den Untergang des Abendlandes zwischen 1918 und 1922 neben einer Reihe anderer geschichtsphilosophischer Werke, darunter Theodor Lessings Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen (1919) und Ernst Troeltschs Historismus-Kritiken. Er geht dazu in die Berliner Staatsbibliothek und legt unsystematisch Exzerpte und Notizen an, von denen er offenbar über Jahrzehnte zehrt; immer wieder tauchen Fetzen aus seinen Lektüren in seinen Gedichten und seiner Prosa auf, ohne dass ihre Herkunft ausgewiesen wird, daneben gibt es Anspielungen, Paraphrasen, Weiterentwicklungen von Motiven und Sätzen.

In seinem Gedicht „Prolog“ (1920) collagiert Benn Lektüren, Beobachtungen, eigene Alltagserfahrung zu einem dadaistischen Panoptikon.… niemand weint bitterlich, man lacht, man lacht

he, he, die Schädelstätte Abendland,
beschädigte Crescenzen, Wermutsterne,
die Orgie 1920.[23]

Hier jagen sich Anspielungen auf Spengler – „man lacht / he, he, die Schädelstätte Abendland“ – die biblische Apokalypse – „Wermutsterne“ – und eine 1918 von ihm selbst miterlebte Orgie im Atelier von George Grosz[24], die dieser 1920 in einem Aquarell aufleben lässt – „die Orgie 1920“. Es folgen sarkastische Anmerkungen zur Psychologie und Naturgeschichte:

… Individual-Ich: abgetakelt,
Psychologie: zum Kotzen,
Entwicklungsprinzip: der Hund bleibt am Ofen
Kausalgenese: wer will das wissen,
Ergebnis: réponse payée!!

Ein Botaniker, Kristallforscher und Mitentwickler der Mengenlehre, der Einfluss von physischen Befindlichkeiten auf den Gang der Weltgeschichte, Details der Evolutionstheorie und psychiatrische Klassifizierungen werden in einer anderen Strophe erwähnt. Benn montiert Material aus seinem aktuellen Lebenskontext und mischt sie mit fach- und populärwissenschaftlichen Lektüren aus einer Vielzahl von naturwissenschaftlichen Disziplinen. Die Quellen sind durchaus nicht immer aktuell, sondern reichen einige Jahrzehnte in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Deutlicher werden die Bezüge in Benns Prosatexten. Die von anderen Autoren übernommenen Passagen sind länger, erkennbarer. Benn-Philologen haben für seinen Essay „Das moderne Ich“ (1919) mehr als 20 Quellen nachgewiesen, aus denen ein nennenswerter, wenn nicht der größere Teil des Textes montiert ist.[25] Zu den wichtigsten von ihm verarbeiteten Autoren gehören: für die Referenzen des antiken Griechenland Hippolyte Taine, Friedrich Nietzsche, Jacob Burckhardt, Erwin Rohde, Johann Jakob Bachofen; für seine Geschichtsauffassung und seine kritische Sicht der Naturwissenschaften Kurt Sternberg (Zur Logik der Geschichtswissenschaft, 1914), Norman Angell, Ernest Renan, Oscar Hertwig (Das Werden der Organismen, 1916 und Zur Abwehr des ethischen, des sozialen, des politischen Darwinismus, 1918), Georg Friedrich Nicolai (Die Biologie des Krieges, 1917), Peter Kropotkin (Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, 1904), Jacques Novikov (Der Krieg und seine angeblichen Wohltaten, 1915), Semi Meyer (Probleme der Entwicklung des Geistes, 1913). Meyer bezeichnet er ausdrücklich als den für ihn wichtigsten Autor, von ihm übernimmt er kritische Passagen zu Bergsons élan vital und zu ungelösten Problemen der Darwinschen Evolutionstheorie. In den Folgejahren kommen zu diesen Autoren Theodor Lessing und eben auch Oswald Spengler hinzu. Große Wirkung auf Benn löste dann auch Edgar Dacqué aus, dessen Zeitsignatur-Theorie der morphologischen Geschichtsauffassung eine spezielle Note hinzufügt – der Mensch sei die Urform allen Lebens, er habe die verschiedenen Gestalten der Tierwelt phasenweise aus seinem Wesen entlassen. Die gegenwärtige Zeitsignatur sei das menschliche Großhirn. Benn übernimmt zwar nicht Dacqués Umkehrung der Evolutionstheorien von Lamarck und Darwin, beschäftigt sich jedoch mit den biologischen Formen, die in den verschiedenen Erdzeitaltern typisch sind.[26] Ferner bezieht er sich häufig auf Eugen Georg mit seiner an der Welteislehre Hörbigers orientierten Erweiterung von Dacqués mythischem Organizismus.

Benns Montagestil ist um 1920 – anders als der seiner damaligen dadaistischen Bekannten – nicht didaktisch, sondern ironisch und introvertiert. Dem eklektischen Umgang mit Autoren und Texten entspricht ein häufiger Wechsel seiner Haltung. Naturwissenschaftliche Texte, sofern sie seiner medizinischen Erfahrungswelt nahe sind, werden häufig, ebenso wie Erscheinungen des Krieges und der Bürokratie, mit aufklärerischer Schärfe seziert. „Meine Herren, die Biographie des Ich ist nicht geschrieben“[27] – Benn zeichnet andeutungsweise den Entwicklungsgang der Ich-Konzeptionen seit der Antike nach, bis zur vollen Ausbildung eines Subjektivismus, dem „die ganze äußere Welt als ein inneres Erlebnis […] gegeben ist“[28]. Eine eigene analytische Argumentation verweigert Benn allerdings, seine Bestandsaufnahmen der gegenwärtigen Bewußstseinsverfassung gehen in den romantisierenden, pathetischen Exotismus historischer Allegorien über.

Nun steht es da, dies Ich, Träger alles erlebten Inhaltes, allem erlebbaren Inhalt präformiert. Anfang und Ende, Echo und Rauchfang seiner selbst, Bewußtsein bis in alle Falten, Apriori experimentell evakuiert, Kosmos, Pfauenrad diskursiver Eskapaden, Gott durch keine Nieswurz zu Geräusch lanciert; – Bewußtsein, fladenhaft, Affekte Zerebrismen: Bewußtsein bis zur Lichtscheu, Sexus inhärent; Bewußtsein, Fels mit des Königs Inschrift, krank von der Syntax mythischem Du, letzter großer Buchstabe: persisch, susisch, eleamitisch, drohend Gewalt unterworfenen Ebenen: Erbe und Ende und Achämenide.[29]

Der Grundgedanke der zunehmenden „Zerebration“, dem sich Benn in den nächsten Jahrzehnten noch mehrfach widmen wird (und den er im Unterschied zu seinem Urheber Economo pessimistisch interpretiert), ist hier angedeutet. Verknüpft wird er hier allerdings mit einem angedeuteten Rekurs auf Heraklit, Zarathustra und den Untergang des persischen Großreichs. Diesem stellt Benn die Erinnerung an Dionysos gegenüber, gespeist aus einer Passage des zeitweiligen Nietzsche-Freundes Erwin Rohde aus seinem Buch vom „Seelencult“. Die westlich-europäische Dekadenz wird mit dem Bild einer rauschhaften Introversion des Ich konfrontiert, das sich aus dem Idealbild eines heiteren Griechentums speist. Dies steht – allerdings vor einer Spengler-Lektüre Benns – im klaren Gegensatz zum Spenglerschen Abgesang auf die Antike als einer bloß noch toten Epoche. Benn macht, auf Rohde aufbauend, den von Thrakien ausgehenden Kult der Ekstase zu einer globalen Erscheinung, einschließlich der Tänze der bei Rohde in einer Fussnote gefundenen Tlinkitindianer.  Andererseits bleiben im „Sommer des Ich“ Narziß und Echo jeweils allein, jener hört die Rufe Echos nicht. Narziß schließlich spiegelt sich im Styx zwischen Asphodelen, den (im Werk Gottfried Benns oft beschworenen) Blumen des Totenreichs – das moderne Ich bleibt kommunikationslos auf sich zurückgeworfen. Friedrich Wilhelm Wodtke vertritt in seiner Analyse zur Antike im Werk von Benn die These, dass die Orientierung an Dionysos sich nach der Spengler-Rezeption wandele: „… aus diesem tiefgehenden Erlebnis der pessimistisch-tragischen Untergangsphilosophie Oswald Spenglers dürfte es zu verstehen sein, wenn die Antike bei Gottfried Benn von 1920 ab nicht mehr so ausschließlich im Zeichen des Dionysos und seiner Mysterien gesehen wurde. Es ist ja auch an Spenglers ‚Untergang des Abendlandes‘ auffällig, wie sehr dort der dionysische Aspekt der Antike, den Nietzsche so überstark betont hatte, fast völlig zurücktritt hinter dem Orphischen und dem Apollonischen, das dem auf Form, Zucht und Staat gerichteten heroischen Willen des Kulturphilosophen stärker entsprach.“[30] Benn verfährt in seinen Anspielungen auf die griechische Kultur allerdings durchgehend zweckorientiert. Kommt es ihm in manchen Darstellungen eher auf die Herausstellung des künstlerischen Schöpfungsaktes an, der rationale und kausale Ordnungsversuche sprengt, so geht es ihm in anderen Texten, besonders in denen seiner beiden nationalsozialistischen Jahre 1933 und 1934, um die Abwehr von „inhaltlichen“ Qualitätsargumenten und liberalen Vorstellungen von Geistesfreiheit: „Die inhaltliche Qualität schuf immer die Geschichte. Ja, es wäre eine schwächliche geschichtliche Macht, die sich nicht unterfinge, die Qualität zu bestimmen, die Qualität zu bilden, sie überzuleiten in neue inhaltliche Bindungen, sie zu prägen, sie zu richten. Im Grunde hat immer nur die Geschichte gedacht.“[31]

Benn verfasst „Das moderne Ich“ im Winter 1918/19, Anzeichen einer Spengler-Lektüre gibt es im Essay nicht. Festzuhalten ist jedoch die pessimistische, an Nietzsche geschulte Grundhaltung, die sich auch in seinen Bezügen zur griechischen Antike niederschlägt. Für biologistische Darlegungen der Geschichte zeigt Benn eine erkennbare Neigung, womit er allerdings im Mainstream der zwischen 1880 und 1920 gängigen Interpretationen liegt.  Zwischen 1920 und 1930 rezipiert Benn nicht nur Oswald Spengler, den er zeitlebens immer wieder erwähnen, aber nicht wörtlich zitieren wird, sondern auch die schon erwähnten Schriften von Edgar Dacqué, Erich Unger und Eugen Georg sowie die Autoren der Jahrbücher der Charakterologie[32]. Daneben auch von Lucien Lèvy-Bruhl (mystische Partizipation) und Wilhelm Dilthey (Weltanschauungstypen) und weiterhin von Friedrich Nietzsche (Kunst als eigentliche metaphysische Tätigkeit).[33] Aus diesen Quellen schöpft Benn Anregungen für seine eigenen entwicklungsgeschichtlichen Überlegungen, die er ab 1930 um das von Wilhelm Johannsen übernommene Begriffspaar Genotyp und Phänotyp herum organisiert.[34]

Benns Argumention nähert sich zwar immer wieder der assoziativen morphologischen Denkweise Spenglers, aber gerade in der Phase seines bedingungs- und besinnungslosen Übertritts in den nationalsozialistischen Staat erteilt er der Morphologie eine Absage:

Das 19. Jahrhundert sah seine Konstitution empirisch, bald – noch einige Institute mehr, noch einige Professoren extra – und irgendeine intellektualistische Theorie klärte seinen Stammbaum auf, heute sieht man ihn nicht morphologisch, sondern symbolisch, rauschentsprungen, triebernährt. Sein Letztes war, sich der Natur experimentell zu nähern, über ihre seine eigentliche Welt aus Klammern und Zahlen zu errichten, in dieser Stunde nähert er sich ihr anschauend, empfangend, wieder in jener alten inneren Bereitschaft: Partizipation. Das alles sind Äußerungen tiefer anthropologischer Verwandlung.[35]

„Kunst als die progressive Anthropologie“[36] nennt Benn (mit Novalis) in seinem Essay „Dorische Welt“ diese durch den Führerstaat bewirkte anthropologische Verwandlung. Auch hier bemüht er Nietzsche und Burckhardt als Zeugen – diesmal dafür, dass erst die im Staat konzentrierte Macht das Individuum „kunstfähig“ mache. Wenige Jahre später attackiert er in seiner Abrechnung „Kunst und Drittes Reich“ diese Position mit aggressiven Formulierungen und nennt den Nationalsozialismus: „Eine Erhebung, deren Wesen … die Lüge an sich ist und eine anthropologische Unwirklichkeit, die es ausschließt, irgendeine Identität mit einer Zeit oder einem Erdteil zu erlangen.“[37]

Benn wechselt häufig die Perspektiven. Mal betont er das rauschhaft Dionysische der Kunst, mal das formstreng Apollinische, mal argumentiert er ganz in Übereinstimmung mit der morphologischen Sicht der Natur- und Menschheitsgeschichte, dann wieder weist er diese zurück. Die Antike und ihre Mythen ruft er über Jahrzehnte immer wieder anspielungsreich auf. Dabei werden sie allerdings selten ausführlich interpretiert, sondern ihre Elemente und ihr Personal sind Versatzstücke für die eigene aktuelle kulturkritische Argumentation. Dies alles geschieht auf der Basis eines relativ kleinen, persönlichen und immer wieder konsultierten Kanons von Schriften, über deren wissenschaftlichen Status Benn schon deshalb keine Expertise abzugeben braucht, weil er sie größtenteils stillschweigend als Referenzen bzw. als Material in seinen Texten einsetzte. Nietzsche, Burckhardt, Taine, Evola, und Dacqué werden gelegentlich explizit erwähnt – aber in vielen Arbeiten werden Bausteine dieser und anderer Autoren ohne Nachweis in die Grundmelodie der Bennschen Prosa hineinkomponiert. „Dorische Welt“ ist beispielsweise in weiten Passagen ein Kompilat von Burckhardt- und Taine-Texten, dem aktuelle staatspolitische Akzente hinzugefügt werden. Manche Autoren, wie zum Beispiel Eugen Georg – der quasi zwischen Spenglers morphologischen Stufen und Hörbigers Welteis-Phantastik vermittelt – und der philosophische Mythenforscher Erich Unger, werden ebenso ausgiebig ausgebeutet, ohne dass sie explizit Erwähnung finden.[38]

Oswald Spenglers Untergangs-Buch gehört nicht zu den Lieferanten von Versatzstücken der Bennschen Textproduktion. Seine morphologische Sicht und seine acht Kulturstufen werden gelegentlich erwähnt. Zweifellos ist Spenglers „Untergang“ seit Mitte der zwanziger Jahre auch immer in Benns kulturpessimistischen Zerfallsbeschwörungen präsent, aber nicht jeder von Benn beschworene Untergang ist der Spenglersche. Die in der Bennschen Lyrik und Prosa aufgerufenen Motive finden Ensprechungen ebenso bei Nietzsche, Lessing oder Dacqué. Zudem tendiert er seltener zu einer tragisch-teleologischen Sicht als zu einem ironischen Bezug auf Nietzsches ewige Wiederkehr des Gleichen.

Max Bense

Max Bense nimmt als 22-jähriger Student Kontakt mit Gottfried Benn auf und stößt bei ihm auf einen für Lob immer empfänglichen Autor, der sich nach wenigen Briefen gern in die Rolle eines Mentors drängen lässt. Bense publizierte seit dieser Zeit eine überaus große Zahl von Aufsätzen und Büchern, insgesamt deutlich mehr als 2000 Titel.[39] Dreimal rezensiert er Gottfried Benns 1934 erschienenen Essay „Kunst und Macht“. Unter den ersten Veröffentlichungen Benses sind Artikel über die Welteis-Lehre von Hanns Hörbiger. Diese „Glazialkosmogonie“ ist auch Benn bekannt, allerdings eher indirekt über die Schriften von Eugen Georg, die Benn um 1930 herum liest. Georg versucht, den Mythen über versunkene Kulturen wie Atlantis den Status historischer Wahrheiten zu verleihen und steht dem Welteis-Gedanken nahe. Bense ist in Köln Mitglied Kölner Ortsgruppe der Kosmotechnischen Gesellschaft[40], die sich der Welteis-Lehre verschrieben hat, und veröffentlicht seine erste selbständige Arbeit in dem dieser Lehre nahestehenden Verlag Luken & Luken (Berlin), in dem sonst z. B. Bücher über den „paläoethnologischen Ertrag der nordischen Heldensagen“ erscheinen. Das kleine Buch „Raum und Ich“ will der Dimension des Raumes die Priorität gegenüber der Zeit geben.[41] Es könne eine „Wesenheit“ Raum, aber nicht die Wesenheit Zeit geben. Teilweise versucht Bense, Heidegger zu ergänzen oder zu korrigieren und übernimmt dabei auch dessen Sprache: „Das Raumen entspricht dem Sein. Das Seiende raumt, soll bedeuten, dass Sein immer zugleich Raum ist, …“[42] Der Raum als Urphänomen der Welterkenntnis, jeder Ich-Erfahrung vorgängig, ist auch der erste Gegenstand des menschlichen Erkennens. Einen erklärten Bezug stellt Bense zu den Erkenntnissen von Dacqué, Hörbiger, Hinzpeter und Georg über Urmythen her:

Durch sie wird der Gedanke der Katastrophe zum ersten Mal wieder in den Gedankenkreis der Geologie und Biologie eingeführt, und wir gehen her und erheben diesen Gedanken zu psychologischem, ja philosophischem Rang. Das Wesen, das solche Katastrophen des Raumes, der Erde oder des Kosmos erlebt, verwandelt sich nur in der Zeit der großen Erlebnisse, und das Geschick der Erde schlägt sich bildend und unvergesslich im Blut der Geschlechter nieder und bleibt als ewige Erinnerung an das gr0ße Erschrecken mythisch bewahrt.[43]


Die Arbeit nimmt das dichotomische Verhältnis von Gestalt (Raum, Form) und Ich zum Anlass einer ersten Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mathematik und Kunst, in der schon Keime der späteren Arbeiten Benses erkennbar sind. Er nimmt das Thema des Raums in seinem nächsten Buch, Aufstand des Geistes (1935), wieder auf und äußert eine explizite Kritik an Heidegger: „Heidegger hätte das Sein als Raum deuten müssen – wenn er in seiner ‚Innerlichkeit‘, in seiner ‚inneren Realität‘, in seiner ‚elementaren Existenz‘ ursprünglich gewesen wäre.“[44] Dieses Buch schickt Bense an Gottfried Benn, der es mit Spannung erwartet, dann jedoch enttäuscht ist: „Viel Geschwätz drin.“[45]

Parallel zu seinem Kontakt mit Benn entwickelt Bense auch eine – wesentlich intensivere – Beziehung mit Heinrich Scholz.[46] Dieser ist in Münster trotz der sich wandelnden hochschulpolitischen Rahmenbedingungen mit großer Konsequenz bemüht, seinen Lehrstuhl für Philosophie in ein Institut für mathematische Grundlagenforschung umzubauen, was ihm 1943 auch gelingt. Unter den 337 Beiträgen, die Bense zwischen 1933 und 1944 für die Kölnische Zeitung schreibt, sind fünf den Arbeiten von Heinrich Scholz gewidmet, der letzte seinem Münsteraner Institut. Durch Elisabeth Walther ist bekannt, dass Bense mit Scholz die Herausgabe eines Auswahlbandes mit Arbeiten von Charles Sanders Peirce plant – und dies etwa zur selben Zeit, in der Scholz mit Turing korrespondiert und sein bahnbrechendes Paper übersetzt.[47] Es ist daher anzunehmen, dass auch Bense diese Arbeit schon 1937 kennenlernt und unter anderem durch den Kontakt mit Scholz motiviert wird, bald nach Kriegsende gezielt seine informationstheoretischen Projekte aufzubauen. Davon abgesehen nimmt auch seine 1946 erschienene Konturen einer Geistesgeschichte der Mathematik Bezug auf wissenschaftsgeschichtliche und sogar theologische Arbeiten von Scholz – und sie ruft im ersten Kapitel, das sich mit der Stilgeschichte in der Mathematik beschäftigt, nacheinander zwei Namen auf: Oswald Spengler (mit seinem Kapitel über den Sinn der Zahlen aus dem Untergang des Abendlandes) und Heinrich Scholz.[48] Es zeigt sich hier wie auch an anderen Stellen seines Werks, dass Bense unbefangen aus seinem jeweiligen Interesse heraus auf Erkenntnisse von zweifelhaftem wissenschaftlichen Wert zugreift, ohne sich um deren Kontextualisierung zu bemühen. Das ist der Spenglerschen Filterung geschichtlicher Ereignisse nicht unähnlich – und in einer Passage des Buchs trifft es auch einen der zentralen Begriffe Spenglers selbst, die morphologische Identität.

In einem Kapitel seines Buchs stellt Bense nämlich Überlegungen zu einer Mathematisierung der Geistesgeschichte an. Sein Gegenstand sind Spenglers Analogisierungen des antiken dorischen Stils mit der Gotik oder des germanischen Katholizismus mit der Epoche des olympischen Mythos, also der griechischen Frühzeit. Er nimmt den von Spengler verwendeten Begriff der Isomorphie als mathematischen Isomorphismus ernst und bestätigt ihn letztlich als brauchbare Möglichkeit zur Formulierung von Analogien. Spenglers morphologische Identitäten gelten ihm als Operation innerhalb der Geschichtswissenschaft, die der mit Galilei begonnenen Mathematisierung der Natur entspreche.[49] Er versucht den Gewinn dieser Sichtweise durch Verweise auf Arbeiten der mathematischen Logik zu untermauern und bezieht sich dabei auf Alfred Tarski und Heinrich Scholz. Diese hätten den Begriff der Deutung hinreichend formalisieren können, so dass auch qualitative Gegenstände einer Berechnung „so unterworfen werden können, dass Geisteswissenschaftler ‚an ihrer schönen Seele auch nicht den geringsten Schaden erleiden‘ (H. Scholz)“[50].

Die Mathematisierung der Geisteswissenschaften, deren Programm Bense in seiner folgenden Argumentation andeutet, wird von ihm in den nächsten Jahrzehnten unter anderem mit dem Versuch der Begründung einer informationstheoretischen Ästhetik praktisch und theoretisch wieder aufgenommen.

Positionswandel 1946–1956

Aus einer kleinen Notiz von Gottfried Benn aus dem Jahr 1949 wird deutlich, dass er zumindest der Person Oswald Spenglers weiterhin verbunden ist.

Das Abendland schrumpft vor unseren Augen zusammen zu einem wirtschaftlichen Begriff, zu einem Export Koeffizienten. Es treibt einem larmoyanten senilen Ende zu.
–Seine großen Männer sind nahezu überall die Angeklagten ihrer Völker – Pétain, Hamsun, Spengler[51]

Diese Klage ist selbst von Larmoyanz geprägt – und in dieser Hinsicht vorbildhaft für die Haltung der westdeutschen Kulturkritik in den nächsten Jahrzehnten – sowie sachlich fragwürdig. Benn wird der persönlichen Haltung Spenglers zum Nationalsozialismus nicht gerecht, wenn er ihn in eine Reihe mit Pétain und Hamsun stellt. Im Unterschied zur Symbolfigur der französischen Kollaboration mit dem NS-Staat und dem pan-germanischen Hitler-Sympathisanten aus Norwegen geht Spengler schon gleich zu Beginn der nationalsozialistischen Machtausübung in Distanz zur Ideologie des Systems und lehnt u. a. eine Leipziger Professur für Kultur- und Universalgeschichte ab. Der Zenit seiner Popularität ist allerdings bereits kurz nach dem Erscheinen des zweiten Bandes des Untergang-Buchs überschritten. Sein 1933 erscheinendes Buch Jahre der Entscheidung ist den nun tonangebenden Kulturpolitikern nicht linientreu genug. In einer unmittelbar auf Spenglers Buch erfolgenden Erwiderung heißt es: „Aus […] seiner skeptischen Einstellung heraus versteht Spengler die Seele der nationalsozialistischen Bewegung nicht, aus dieser Skepsis heraus kann er sich zu keiner entschiedenen Bejahung des Ideengutes des Nationalsozialismus und der Wege, auf denen Adolf Hitler dies Ideengut zur Wirklichkeit heranführt, aufschwingen.“[52] Oswald Spengler stirbt 1936. Der „Untergang des Abendlandes“ als Phrase und grundlegende Denkfiguren wie das zyklische Geschichtsbild und der Schicksalsbegriff Spenglers prägen sich jedoch, auch unabhängig von der Rezeption des Werks, nachhaltig ein. Massive Schuldzuweisungen an Spengler für die vom Nationalsozialismus verursachte Katastrophe gibt es nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings nicht. Die dominierende konservative Kulturkritik erweist ihm anspielungsreich ihre Reverenz[53], und Theodor W. Adornos Essay zu Spenglers 70. Geburtstag (1950) hat eher den Charakter einer Würdigung als einer Kritik.

Die Notiz zu den „großen Männern“ ist daher ein Stimmungsprotokoll des noch mehr durch die Folgen eigener Entscheidungen als durch die Zeitumstände gebeutelten Gottfried Benn. Nur für wenige westdeutsche Intellektuelle ist Spengler ein Wegbereiter der Vision eines NS-Staats. Für die meisten bleibt er ein Prophet, der das jüngst erlebte „Imperium von allmählich wieder primitiv-despotischem Charakter“ vorhersieht, wie es in Spenglers Tafel gleichzeitiger politischer Epochen heißt.[54] Folgerichtig ist für den Beststellerautor Joachim Fernau nach dem Zweiten Weltkrieg die letzte dieser Epochen erreicht:

Als Oswald Spengler es 1917 zum erstenmal mit wissenschaftlicher Genauigkeit darlegte und bewies, war es für den Verstand und die Augen aller zwar eineuchtend, aber dem illusionistischen menschlichen Selbsterhaltungstrieb und Lebenswillen schroff entgegengesetzt; so schroff, daß sich heute das Schauspiel seiner Verdrängung ins Unterbewußtsein bei ganzen Völkerscharen vollzieht. Es ist das Schauspiel, das alle untergehenden Kulturkreise erlebt haben und das infolge seiner Ausmaße die phantastischste Illustration zu dem Wort ist: Wen die Götter vernichten wollen, den schlagen sie mit Blindheit.[55]

Knut Hamsun, dessen Hitler-Nachruf („Kämpfer für die Menschheit“) am 7. Mai 1945 in der noch von Kollaborateuren kontrollierten Aftenposten verstörend wirkt, steht dann zwar in Norwegen vor Gericht und büßt einen Teil seines Geldvermögens ein, veröffentlicht jedoch gleich darauf in Norwegen einen Beststeller und bleibt in den folgenden Jahren vor allem in Deutschland ungebrochen populär.

Gottfried Benn kann ab 1948 wieder Bücher veröffentlichen. In kurzer Folge erscheinen Gedichtsammlungen – zum Teil aus seiner Schublade – sowie alte und neue Essays und seine autobiographische Rechtfertigungsschrift „Doppelleben“ (1950). Danach begibt er sich auf dem Rückzug. Politische, historische und kulturphilosophische Gedanken veröffentlicht er nach 1950 nicht mehr, die Kombinationsmöglichkeiten seines Materials scheinen erschöpft. „Unsereins sucht überall Zusammenhänge, aber findet keine, auf der Jagd nach Einzelheiten verbringt man sein Leben.“[56] Er beschränkt sich auf Reflexionen über die Literatur, wobei ihm mit „Probleme der Lyrik“ (1951) ein Text gelingt, der die Nachkriegsliteratur stark beeinflusst. In diesen Text wie auch in dem zwei Jahre zuvor erschienenen „Radardenker“ streut er Absagen an Spenglersche Denkmuster ein. Er nimmt von seinen eigenen schwärzesten Untergangsprophezeiungen Abschied und findet Spekulationen über geschichtliche Perspektiven und das „ewige Gerede von Grundlagenkrise und Kulturkreis-Katastrophe“ nunmehr unerträglich. Eine deutlichere Absage an die Gültigkeit der Spenglerschen Konzepte ist kaum möglich. Dies gilt auch für andere teleologische Varianten der Entwicklungslehre: „Die Entwicklungslehre war der Versuch, das Verhängnis mechanisch zu sehn.“[57] Die letzten Resonanzen mit Spengler sind ausgeschwungen.

Statt dessen ergeben sich in dieser Phase neue Resonanzen mit Max Bense. Die direkten Beziehungen verdichten sich trotz der bei Benn vorhandenen Vorbehalte[58] – Bense gibt 1950 in Abstimmung mit Benn einen Sammelband Frühe Prosa und Reden heraus –, und ein gänzlich unvorbereitetes Feld kommt hinzu.

Haben Sie sich schon einmal klargemacht, daß nahezu alles, was die Menschheit heutigen Tages noch denkt, denken nennt, bereits von Maschinen gedacht werden kann, hergestellt von der Cybernetik, der neuen Schöpfungswissenschaft? Und diese Maschinen übertrumpfen gleich den Menschen, die Ventile sind präziser, die Sicherungen stabiler als in unseren zerklafterten Wracks, sie arbeiten Buchstaben in Töne um und liefern Gedächtnisse für 8 Stunden, kranke Teile werden herausgeschnitten und durch neue ersetzt. Also das Gedankliche geht in die Roboter, der deckt den Bedarf, was übrig bleibt, sind Rudimente eines vulkanisch Früheren und wo sie sich zeigen, wirken sie bereits unmenschlich und verkracht.[59]

Anklänge an das morphologische Modell der Gehirn- und Bewusstseinsentwicklung (Dacqué, auf den Kopf bzw. auf die Füße gestellt) bleiben hier erkennbar. Insgesamt ergibt sich jedoch eine neue anthropologische Perspektive, die gewissermaßen die Umkehrung der Spenglerschen Zerfallsvision ist: „… der Mensch ist nicht das Ende, nicht die Krone der Schöpfung, sondern ein Beginn… Die Plastizität des Werdens wendet sich in neue Dimensionen, beschränkt offenbar alle ihre Mächte auf dieses Thema, variiert sich in Entfaltungen – von Ermüdung keine Spur. Das Weitere ist unübersehbar, aber der Mensch wird wahrscheinlich nicht enden.“[60]

Mit der kybernetischen Erweiterung des Denkens durch Elektronengehirne befasst sich auch Max Bense seit 1949 in vielen Artikeln, Vorträgen und Forschungsarbeiten. Einiges davon erscheint in der von Benn beachteten Zeitschrift Merkur. Die technische Welt bietet für Bense die Chance einer Aufklärung des anthropologischen Missverhältnisses zwischen Natur und Geist: „Durch die Technik schafft sich der Mensch eine Umwelt, die seiner Doppelrolle als naturhaftes und geistiges Wesen angemessen ist.“[61] Für Bense ist in der Perspektive der durch kybernetische Maschinen gebotenen technischen Existenz die Tendenz zur Selbstvernichtung des Ich aufgehalten, der Niveauunterschied von Naturerkenntnis und Geschichtsphilosophie erscheint aufgehoben, Krisis und Untergang spielen in diesem Zusammenhang keine Rolle mehr. In den 1960er Jahren wiederholt Bense, was er schon 1934 andeutete: Husserls Beschreibung der Einflüsse von Technik auf die Lebenswirklichkeit ist sein Referenzpunkt für die Analyse der technischen Zivilisation – Nietzsche, Marx und Spengler seien hier Vorläufer gewesen.[62]

Gottfried Benn spielt wenige Monate vor seinem Tod noch einmal auf die neue Schöpfungswissenschaft an. Allerdings: „Durch die Konstruktion der Elektronengehirne nähern wir uns der Frage des Schöpferischen …“[63] Es geht in der von ihm so bezeichneten „zweiten Schöpfungswoche“ nicht mehr allein um Menschen.

Anmerkungen

1 | Brecht, Bertolt: Tagebücher 1920–1922. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1975, S. 66. – Die Werke von Gottfried Benn und Max Bense werden in dieser Arbeit abgekürzt zitiert: Benn, Gottfried: Sämtliche Werke. Stuttgart: Klett-Cotta. Bd. II 1986, Bd. III 1987, Bd. IV 1989, Bd. V 1991, Bd. VII/1 2003, Bd. VII/2 2003. Zitiert als SW mit Bandnummer. Bense, Max: Ausgewählte Schriften. Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler. Bd. 1 1997, Bd. 2 1998. Zitiert als AS mit Bandnummer.

2 | Gasimov, Zaur; Lemke Duque, Carl Antonius: Oswald Spengler als europäisches Phänomen. Die Kultur- und Geschichtsmorphologie als Auslöser und Denkrahmen eines transnationalen Europa-Diskurses. In: Gasimov, Zaur; Lemke, Duque, Carl Antonius (Hg.): Oswald Spengler als europäisches Phänomen. Der Transfer der Kultur- und Geschichtsmorphologie im Europa der Zwischenkriegszeit 1919-1939. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2013, S. 10.

3 | Lagarde, Paul de: Deutsche Schriften. Göttingen: Dieterichsche Verlagsbuchhandlung, 1878.

4 | Von einem Deutschen (d. i. Langbehn, Julius): Rembrandt als Erzieher, Leipzig: Verlag von C. L. Hirschfeld, 1890, S. 6.

5 | Siehe dazu Stern, Fritz: Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland. Bern, Stuttgart, Wien: Scherz, 1963. Heinßen, Johannes: Historismus und Kulturkritik. Studien zur deutschen Geschichtskultur im späten 19. Jahrhundert. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2003.

6 | Von einem Deutschen [1890], S. 43.

7 | Dazu Janz, Curt Paul: Nietzsche. Biographie. Dritter Band. München: Carl Hanser Verlag, 1979, S. 91–112.

8 | Benn, Gottfried: Zur Geschichte der Naturwissenschaften; Medizinische Psychologie [beide 1911]. SW III, S. 14–17, 18–22.

9 | Ibid., S. 22.

10 | Benn, Gottfried: Unter der Großhirnrinde [1911]. SW VII/1, S. 359 f.

11 | Ibid., S. 360 f.

12 | Jürgen Schröders Ansicht (Gottfried Benn. Poesie und Sozialisation. Stuttgart etc.: Kohlhammer, 1978), Benn sei über viele Jahre hinweg von einem „Restitutio-Verlangen nach dem ‚geschlossenen geistigen Raum‘ der antik-mittelalterlichen Welt“ getrieben (S. 114) kann nicht gefolgt werden. Statt dessen könnte behauptet werden, dass der kontinuierliche provokative Flirt mit dem Nihilismus Benn immer wieder neue Antriebsmomente verschafft.

13 | Einen guten Überblick gibt trotz seiner Parteinahme und Verzerrungen das bereits 1922 erschienene Buch des späteren Spengler-Herausgebers Manfred Schröter: Der Streit um Spengler. Kritik seiner Kritiker. München: C. H. Beck, 1922.

14 | Scholz, Heinrich: Zum „Untergang“ des Abendlandes. Eine Auseinandersetzung mit Oswald Spengler. Berlin: Reuther & Reichard, 1920. Fast gleichzeitig erscheint: Der Unsterblichkeitsgedanke als philosophisches Problem. Berlin: Reuther & Reichard, 1920.

15 | Ibid., S. 12–14.

16 | Scholz, Heinrich: Glaube und Unglaube in der Weltgeschichte. Ein Kommentar zu Augustins Civitas Dei. Leipzig: J. C. Hinrich’sche Buchhandlung, 1911, S. 155.

17 | Ibid., S. 11.

18 | Ibid., S. 14.

19 | Goethe, Johann Wolfgang: Urworte. Orphisch. In Goethes Werke. Hg. im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. 3. Bd. Weimar: Hermann Böhlau, 1890, S. 95.

20 | Scholz, Heinrich: Die Bedeutung der Hegelschen Philosophie für das philosophische Denken der Gegenwart. Berlin: Reuther & Reichard, 1921, S. 45.

21 | Ibid.

22 | Scholz [1920], S. 37 ff.

23 | Benn, Gottfried: Prolog [1920]. SW II, S. 51.

24 | Hier beschrieben: Blumenfeld, Erwin: Einbildungsroman. Frankfurt/Main: Eichborn Verlag 1998, Die Andere Bibliothek, Bd. 162, S. 248 f.

25 | Benn, Gottfried: Das moderne Ich [1919]. SW III, S. 94–107. Nachweise bereits im Kommentar des Bandes (S. 448–458) und Wodtke, Friedrich Wilhelm: Die Antike im Werk Gottfried Benns. Orbis Litterarum, 16 (1961), S. 129–238, speziell S. 150 ff., 158 ff. et passim.

26 | Vgl. hierzu sowie zu Benns Rezeption von Lèvy-Bruhl und Unger die instruktive Dissertation von Benjamin Freitag: Mythos, Totem und Tabu. Eine quellenorientierte Studie zu den Spielarten des Primitivismus und zur Bedeutung der Mythenforschung im Werk Gottfried Benns. Aachen, 2012.

27 | Benn, Gottfried: Das moderne Ich [1919]. SW III , S. 103.

28 | Ibid., S. 104.

29 | Ibid., S. 105.

30 | Wodtke [1961], S. 171.

31 | Benn, Gottfried: Der neue Staat und die Intellektuellen [1933]. SW IV, S. 17.

32 | Jahrbuch der Charakterologie, Berlin: Pan-Verlag, 1924–1929. Herausgeber ist der Philosoph und Psychologe Emil Utitz. Unter den Autoren sind Ludwig Klages, Ernst Kretschmer, Ludwig Marcuse, Hans Prinzhorn, Theodor Ziehen, Stefan Zweig. Besonders mit Klages und Kretschmer setzt sich Benn ausführlich auseinander.

33 | Dazu instruktive Hinweise im Apparat der Sämtlichen Werke und im Briefwechsel, dessen erhaltener und zugänglicher Teil allerdings erst seit den 1930er Jahren kontinuierlich über Lektüreerfahrungen informiert.

34 | Johannsen, Wilhelm: Elemente der exakten Erblichkeitslehre. Jena: Gustav Fischer, 1909. Siehe Benn, Gottfried: Der Aufbau der Persönlichkeit [1930]. SW III, S. 263–277.

35 | Benn, Gottfried: Züchtung [1933]. SW IV, S. 34 f.

36 | Benn, Gottfried: Dorische Welt [1934]. SW IV, S. 147 ff.

37 | Benn, Gottfried: Kunst und Drittes Reich [ca. 1941]. SW IV, S. 286.

38 | Auskunft darüber vermittelt der Apparat der Sämtlichen Werke. Noch genauere Aufschlüsse geben später erschienene umfangreiche Studien wie: Hahn, Marcus: Gottfried Benn und das Wissen der Moderne. 2 Bde. Göttingen: Wallstein Verlag, 2011. Streim, Gregor: Das Ende des Anthropozentrismus. Anthropologie und Geschichtskritik in der deutschen Literatur zwischen 1930 und 1950. Berlin, New York: Walter de Gruyter, 2008. Kirchdörfer-Boßmann, Ursula: „Eine Pranke in den Nacken der Erkenntnis“. Zur Beziehung von Dichtung und Naturwissenschaft im Frühwerk Gottfried Benns. St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag, 2003.

39 | Siehe die von Elisabeth Walther zusammengestellte Chronologische Bibliografie der veröffentlichten Schriften und Rundfunksendungen von Max Bense. <http://www.stuttgarter-schule.de/bensebibliografie.htm> [10.12.2016]

40 | Siehe Wessely, Christina: Welteiszeit. Kälte und Kosmos 1900–1930. kritische berichte Jg. 37 (2009), H. 3 , S. 85. Umfassend informiert ihr Buch: Welteis. Eine wahre Geschichte. Berlin: Matthes & Seitz, 2013.

41 | Bense, Max: Raum und Ich. Eine Philosophie über den Raum [1934]. AS 1. S. 5–81.

42 | Ibid., S. 16.

43 | Ibid., S. 10. Georg Hinzpeter ist ein Vertreter von Hörbigers Welteislehre.

44 | Bense, Max: Aufstand des Geistes. Eine Verteidigung der Erkenntnis [1935]. AS 1, S. 107.

45 | Benn, Gottfried: Briefe an F. W. Oelze 1932–1945. Stuttgart: Klett-Cotta, 1977, S. 56. Benn empfiehlt Oelze allerdings Benses „interessanten“ Artikel über die Welteislehre: Begriff und Wesen der Schöpfung. In Europäische Revue, Stuttgart, Jg. 11, H. 6, Juni 1935, S. 388-395. In diesem wird auch Benn zitiert.

46 | Siehe das Interview mit Elisabeth Walther in: Büscher, Barbara; Herrmann, Hans Christian von; Hoffmann, Christoph (Hg.): ästhetik als programm. Max Bense – Daten und Streuungen. Kaleidoskopien Bd. 5. Berlin, 2004, S. 13.

47 | Achim Clausing fand im Keller des heutigen Instituts für Informatik zwei Sonderdrucke mit Widmungsvermerken von Turing. Siehe dazu den Artikel in den Westfälischen Nachrichten vom 28.02.2015: <http://www.wn.de/Muenster/1901048-Computer-Genie-Alan-Turing-hatte-Verbindungen-nach-Muenster-Mathematik-und-Hollywood> [10.12.2016]. Auf Nachfrage teilte Clausing am 10.12.2016 mit, dass die Turing-Übersetzung von Scholz nicht auffindbar ist.

48 | Bense: Aufstand des Geistes. Eine Verteidigung der Erkenntnis [1935]. AS 1, S. 118 ff.

49 | Bense, Max: Konturen einer Geistesgeschichte der Mathematik [1946], AS 2, S. 195 f.

50 | Ibid., S. 198.

51 | Benn, Gottfried: Nachlass [1949]. SW VII/2, S. 233 f.

52 | Zweiniger, Arthur: Spengler im Dritten Reich. Eine Antwort auf Oswald Spenglers „Jahre der Entscheidung“. Oldenburg: Verlag Gerhard Stalling, 1933, S. 10.

53 | Z. B. die 1954 erschienene und viel beachtete Essaysammlung des zeitweiligen FAZ-Literaturkritikers Friedrich Sieburg, Die Lust am Untergang.

54 | Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes Bd. 1, 48. bis 52. völlig umgestaltete Auflage. München: C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung, 1923, Tafel gleichzeitiger politischer Epochen, nach S. 69.

55 | Fernau, Joachim: Die Genies der Deutschen (zuerst 1953 erschienen unter dem Titel Abschied von den Genies. Die Genies der Deutschen und die Welt von morgen). München: Goldmann, 1972, S. 296. Dem ehemaligen SS-Propagandisten Fernau gelang es in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten, mit seinen Büchern ein großes Publikum zu faszinieren.

56 | Benn, Gottfried: Der Radardenker [1949]. SW V, S. 66.

57 | Benn, Gottfried: Nachlass [1952]. SW VII/2, S. 278.

58 | Siehe Benn, Gottfried: Briefe an F. W. Oelze 1950–1956. Wiesbaden und München: Limes Verlag, 1980, S. 134 (Brief Nr. 589): „Ein ganz eleganter, jugendlicher, lebhafter Mann, sehr vordringlich, geltungsbedürftig, etwas angeberig u. keineswegs immer überwältigend interessant.“

59 | Ibid., S. 71.

60 | Ibid., S. 79.

61 | Bense, Max: Kybernetik oder Die Metatechnik einer Maschine [1951]. AS 2, S.446.

62 | Siehe Bense, Max: Ungehorsam der Ideen. Abschließender Traktat über Intelligenz und technische Welt [1965]. AS 1, S. 340 ff.

63 | Benn, Gottfried: Nachlass [1956]. SW VII/2, S. 368.